Vollendung

 




 

 

Am Ufer eines Sees, wo der Morgen das Wasser nicht erhellte, sondern sich in ihm zu erinnern schien, stand eine weiße Blume. Niemand wusste, seit wann sie dort wuchs. Vielleicht war sie schon da, bevor die ersten Vögel den Himmel entdeckten. Vielleicht war sie nur die letzte einer langen Reihe vergessener Blumen, deren Namen der Wind davongetragen hatte.

Sie war schön. Nicht mit jener Schönheit, die Bewunderung verlangt, sondern mit einer stillen Schönheit, die nichts beweisen muss.

Das Schilf flüsterte ihr zu, dass die Wurzeln das wahre Glück seien. Die Weiden erzählten von den Jahreszeiten wie von einem Versprechen. Selbst der See, der alles spiegelte und nichts festhielt, sagte jeden Morgen:

»Bleib. Alles, was bleibt, gehört der Erde.«

Und lange Zeit glaubte die Blume daran.

 


  

Bis an dem Morgen, als ein weißer Schwan lautlos über das Wasser glitt.

Er war nicht schneller als der Wind und nicht heller als das Licht. Doch er trug etwas in sich, das die Blume nie gekannt hatte: die Gelassenheit dessen, der nicht länger nach einem Ort sucht, weil er seinen Weg gefunden hat.

Von diesem Tag an wartete sie nicht mehr auf den Regen.

Sie wartete auf den Schwan mit der Sehnsucht in ihren Kronblättern.

Nicht, weil sie ihn besitzen wollte. Liebe besitzt nicht. Sie betrachtet, sie schweigt und verwandelt den, der liebt.

Die anderen Blumen lachten.

»Was wünschst du dir noch?«, fragten sie. »Du bist bereits vollkommen.«

Doch die weiße Blume schwieg. Sie ahnte, dass Vollkommenheit manchmal nur ein anderer Name für Stillstand ist.

 

 


Die Nächte wurden länger. Der Tau legte sich auf ihre Blütenblätter wie Erinnerungen, die niemand mehr brauchte. Tief in der Erde hielten ihre Wurzeln sie fest. Doch zum ersten Mal empfand sie diesen Halt nicht mehr als Geborgenheit, sondern als eine Frage.

Als der Sommer sich seinem Ende neigte, geschah etwas, das niemand bemerkte.

Nicht der Himmel.

Nicht der See.

Nicht einmal der Wind.

Die Sehnsucht begann, ihre Gestalt zu verändern.

Ein Blütenblatt löste sich, ohne zu Boden zu fallen. Es wurde zu einer Feder. Dann ein zweites. Ein drittes. Der Stängel streckte sich, bis er kein Stängel mehr war. Die Wurzeln ließen los – nicht, weil sie ihre Kraft verloren hatten, sondern weil sie wussten, dass ihre Aufgabe erfüllt war.

Und als der erste Sonnenstrahl den Morgen berührte, stand dort keine Blume mehr.

Ein weißer Schwan glitt lautlos über den See.

Er blickte nicht zurück.

Nicht aus Vergessen.

Sondern aus Dankbarkeit.

Denn wer seine Wurzeln wahrhaft geliebt hat, muss nicht zu ihnen zurückkehren. Er trägt sie in jedem Flügelschlag mit sich.

Noch lange bewahrte der See das Spiegelbild einer Blume, die nie verschwunden war.

Sie hatte nur erkannt, dass Schönheit manchmal Flügel bekommt.



Technische Daten

  • Konzept & Text: Originalidee und Narrativ basierend auf einem persönlichen Traum, in Form einer poetischen Parabel.

  • Visueller Stil: Impressionistisch inspirierte digitale Kunst.

  • Bilderstellung: Generiert mittels künstlicher Intelligenz (Gemini) sowie Nachbearbeitung und Bildbearbeitung (Microsoft Designer).

  • Finales Layout & Design: Setzung und Gestaltung in Google Drive. © 2026 Rui Luís (Rui Luís Macedo Baptista). Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor: Rui Luís (*1968 in Lissabon) ist ein in Berlin lebender Dichter, Musiker und multidisziplinärer Schöpfer, der sich der Erforschung des Wortes, des Bildes und neuer digitaler Kunstsprachen widmet.

www.ruiluis.art

 


 

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